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Willkommen in Corona-Hausen

Autor: ElHiggi 28.04.2021

Ich neigte schon immer dazu nicht alles annehmen zu wollen. Aus purer Dickköpfigkeit muss ich erst einmal nachschauen ob etwas wirklich so ist. Nun ja, meine Berufsfindung hatte wohl auch damit zu tun. Aber nun, bin ich immer mehr der Überzeugung das Unfähigkeit, gepaart mit einer festen Überzeugung wider der eigenen Unkenntnis, gemeinsam mit einem äußerst überzeugten Auftreten, heute mehr zählt als alles andere. Weil logisch - ist vieles nicht mehr.

Kurz erst einmal mein Erlebnis der letzten beiden Tage:

Ein Freund rief mich gestern an. Er lebt alleine, hat wenig Kontakte. Ihm geht es schlecht, er hatte typische und stark ausgeprägte Grippe-Symptomatik. Da Grippe gerade aber nicht grassiert, schloss ich (ich Fuchs!) auf Corona. Er konnte weder die Wohnung verlassen, noch kam er überhaupt aus seinem Bett heraus. Ich riet ihm den kassenärztlichen Notdienst anzurufen, in der Hoffnung, dass sie ihn testen und vielleicht ein paar Schmerzmittel dalassen könnten. Die waren auch da, gaben ihm ein paar Tabletten und verließen ihn schnell wieder mit dem Hinweis doch morgen mal zum Hausarzt zu gehen. Toller Rat wie sich noch herausstellen sollte. Er war optimistisch und hoffte das es ihm am nächsten Tag vielleicht bessergehen würde, dann wäre ja Montag. Montag früh: er kam (erwartungsgemäß) nicht aus dem Bett raus. Ich ging nach der Arbeit in eine Apotheke und kaufte einen Schnelltest und noch Lebensmittel, ging zu ihm und stellte sie ihm vor die Tür. Er machte den Test, der war positiv. Ich sagte ihm er solle das Gesundheitsamt anzurufen, damit ein PCR-Test gemacht wird. Warum braucht man den? Wenn man arbeiten ist, braucht man einen offiziellen Test um eine Vorlage für den Arbeitgeber zu haben. Dazu komme ich noch. Das Gesundheitsamt fühlte sich auch nicht zuständig, ebenso wenig wie der Hausarzt. Er war immer noch zu Hause, krank mit Corona. Er sollte zu einer offiziellen Teststation gehen. Blöd nur, wenn Du krank bist und kein Auto hast. Heute bekam ich Vormittag wieder einen Anruf. Er war gerade von seinem Ausflug zur offiziellen Test Station zurück. Völlig fertig, es hat ihn viel Kraft gekostet, das überhaupt zu schaffen. Nun steht eine Frage im Raum: wie kam er dorthin? Natürlich mit Bus und Bahn, denn die Teststation ist am anderen Ende der Stadt. Warum? Weil er ohne den Nachweis seinem Job verliert. Wo hat er sich angesteckt? Wahrscheinlich bei einer Kollegin die krank auf Arbeit kam, weil sie in der Probezeit war und fürchtete ihren Job zu verlieren.

Fassen wir zusammen. Wir haben Pandemie. Unsere Politiker trommeln seit einem Jahr nur die Panik- und Angsttrommeln, wir sollen bitte freiwillig alle Kontakte einstellen, weil wir sonst eine Gefahr für andere darstellen könnten. Du hast die typischen Symptome und einen positiven Schnelltest (der als sicher gilt). Der kassenärztliche Notdienst ist nicht in der Lage einen Abstrich bei dir durchzuführen. Das Gesundheitsamt ist erst für dich zuständig, wenn du in Quarantäne bist. Der Hausarzt auch nicht, weil du bist ja nicht in seiner Praxis vor Ort. Du hast kein Auto und musst irgendwie die nächsten 10km ins nächste Testzentrum schaffen (Fahrrad geht auch nicht).

Merke - krank sein und alle Hygienemaßnahmen ordnungsgemäß einhalten geht nur, wenn Du ausreichend finanziell aufgestellt bist. In einer Stadt wie Halle mit einer Armutsquote von 24% eine super Idee! Dankeschön für diese gelebte Kompetenz!

Es ist schon bemerkenswert das Gelder für Schnellteste (deren Durchführung wohl mit 35 Euro rückerstattet wird) unbegrenzt zur Verfügung stehen. Koste es was es wolle. Aber Personal? Auf die Idee ist noch niemand gekommen. Daran verdient niemand etwas, das ist das Grundproblem. Das würde direkt den Menschen helfen - den Patienten, denjenigen die Hilfe brauchen, das Personal was entlastet wird. (Das Thema Impfungen blende ich absichtlich aus, das wäre ein eigenes Thema.)

Ein wunderbares Beispiel für meine erlebte kognitive Dissonanz.

Noch ein Beispiel? Soll ich anfangen mit den Krankenhauspersonal? Das wir seit über einem Jahr jeden Tag unsere Dienste mit MNS verrichten? Seit fast einem ¾ Jahr davon mit FFP2 Masken? Dass wir das tun, weil wir jeden Tag mit Patienten zu tun haben, die zu uns kommen, weil sie vorerkrankt und zur Risikogruppe gehören? Das Firmen darauf keine Rücksicht nehmen müssen? Das diejenigen die all die Mitarbeiter im Gesundheitswesen als Helden feiern in den Medien zu Wort kommen, aber kaum diejenigen die die Probleme aufgreifen. Das es unseren ITS-Stationen (und auch den Normalstationen) nicht an Beatmungsgeräten und Betten mangelt, sondern an Personal. Die Kliniken sind kaum in der Lage alleine daran was zu ändern, da sie (und DAS ist politisch gewollt) wirtschaftlich arbeiten müssen. Bei konzerngebundenen Häusern kommen noch die Dividenden dazu, die zusätzlich erwirtschaftet werden müssen.

Nein, ich glaube nicht an große Verschwörungen und kinderfressende, bluttrinkende Irre. Ich glaube an Unfähigkeit, Rückratlosigkeit und menschliche Gier. Und die wunderbare Eigenschaft des Geistes, Gedankenkonstrukte zu erschaffen, die es einem erlauben, mit sich selber im Reinen zu sein und zu den "Guten" zu gehören. Nur gelingt mir das nicht. Darum bin ich sehr wahrscheinlich ein Schwurbler.

Es gibt seit Jahren Studien die belegen, das ausreichend Personal das Beste Mittel ist um Hygiene in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen einzuhalten. Erinnert sich noch jemand an Multiresistente Keime? MRSA oder ESBL? 3 MRGN, 4 MRGN? Ja, ich weiß, das ist lange her, aber in diesem Zusammenhang gab es gute Studien und die hatten im Endeffekt alle eine Aussage.

Aber das hat die letzten 10 Jahre niemanden interessiert und tut auch heute niemanden. Im Übrigen interessierte es genauso wenig irgendjemanden, dass die Menschen die nach Europa flüchten dafür Gründe haben. Auch so ein vergessenes Thema. Während die einen "Open Borders" schreien und vergessen das die Menschen nicht zu uns kommen weil unsere Kultur so interessant ist und dass diejenigen, die weder die körperliche noch die finanzielle Ausstattung haben, um den Weg nach Europa zu schaffen, nicht einmal wahrgenommen werden, sorgen die anderen in Ruhe dafür, dass Länder und Kontinente mit Waffen "befriedet" werden und mittels Knebelverträgen und Ausbeutung der Rohstoffe aus dem postkolonialen Status niemals hinauskommen werden. Aber ich schweife ab.

Viele Menschen sind laut und können nicht zuhören. Sie sind bequem und nehmen gut präsentierte Bilder, die ihnen einen "Retterstatus" verschaffen, dankend an. Nur nichts ändern. Und jeder der an dem eigenen guten Gefühl zu rütteln versucht, der ist ein Feind. Feindbilder sind toll! Wir kennen nur noch Feinde, haben aber das Verständnis verloren, den Weg der anderen zu akzeptieren, weil wir unseren eigenen weder sehen wollen noch verstehen. Und wir vergessen, weil wir überflutet werden von neuen Informationen die alle total wichtig sind und keine Zeit/Ruhe mehr haben einen Schritt zurück zu gehen und die Ereignisse mit Abstand zu sehen.

Aber was würde es helfen, wenn in den entscheidenden Positionen (je höher desto ausgeprägter) Menschen sitzen, mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein und mangelnden Bereitschaft sich für andere Einzusetzen, auch wenn es für einen Selber ein Risiko darstellt. Die wenigen die es versuchen werden entweder auf Linie gebracht oder von Ihrem Posten beräumt.

Wo wir wieder beim Anfang wären.

"Verzweifeln sie ruhig, aber zweifeln sie nicht."

Hab´s versucht...

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