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Kann ja mal passieren?

Verhältnismäßigkeiten. Es kann passieren dass man Fehler macht, etwas übersieht, falsch liest, etwas vergisst. Das ist menschlich. Dafür gibt es in bestimmten Bereichen, wie großen Firmen, Krankenhäusern oder anderen Bereichen Kontrollinstanzen. Das bedeutet dass noch eine zweite Person das in Auftrag gegebene kontrollieren muss oder Freigaben macht. Das nennt man 4-Augen Prinzip. Verantwortungsabgrenzung ist das Zauberwort: Person 1 schreibt einen Auftrag. Der Vorgesetzte kontrolliert ihn und gibt ihn frei. Die Firma erhält den Auftrag und gibt ihrem Mitarbeiter exakte Anweisung was er zu tun hat. Geht etwas schief kontrolliert man die Prüfschritte zurück bis hin zum Auftraggeber und man weiß wo in der Struktur die Schwachstelle war und kann entsprechend reagieren.

Soweit zur Theorie. In der Praxis scheint das nur niemand zu wissen. Wie kann es sonst passieren, dass ein denkmalgeschütztes Haus "versehentlich" abgerissen wird. [1]

Die Papenburg AG ist ein überregionales Großunternehmen welches allein in Mitteldeutschland über 1000 Mitarbeiter hat. Und diesem Unternehmen ist es nun "versehentlich" passiert, dass bei Räumungsarbeiten auf dem unliebsamen Hasi-Gelände (das denkmalgeschützte Ensemble der Hafenstraße 7, ein ehemaliges Gaswerk) eines der denkmalgeschützten Gebäude abgerissen wurde.

Hier ergeben sich für mich mehrere Fragen:

1. Für jeden Auftrag gibt es eine detaillierte Auflistung was der Auftrag umfasst. Was sollte beräumt werden? Welchen Umfang hatten die Räumungsarbeiten? Davon ist auch abhängig welche Kosten eine Beräumung verursacht. Sind es nur Räumungsarbeiten von oberflächlichen Erdreich und Holzbebauungen sind die Entsorgungskosten natürlich geringer als bei einem Gebäudeabriss. Dazu muss also ein Auftrag der Eigentümerin, der HWG, vorgelegen haben.

2. Wenn der Abriss des Kesselhauses nicht im Auftrag der HWG angegeben war, wer hat dann die Bauarbeiten überwacht? Gab es eine Kontrolle durch die Eigentümerin?

3. Sind der oberen Denkmalschutzbehörde Pläne zur Beräumung des Grundstückes bekannt gewesen? Wie lange im Voraus sind die Pläne, wenn vorhanden, eingereicht worden?
In welcher Form sind die aktuellen Baumaßnahmen mit dem Denkmalschutzgesetz vereinbar?

4. Das Baudenkmal besteht nicht nur aus den Gebäuden, den Gasometertassen und dem Kessel- und Reglerhaus (welches jetzt abgerissen wurde), sondern auch aus der Werkseinfriedung. Wie wird hier mit den bisherigen Beschädigungen umgegangen?

5. Welche baulichen Maßnahmen sind weiterhin auf dem Grundstück geplant? Wie soll sichergestellt werden, das keine weiteren Beschädigungen des erhaltenswerten Ensembles stattfinden?

Gemäß dem Informationszugangsgesetz des Landes Sachsen-Anhalt und dem öffentlichen Interesse an diesem Grundstück werde ich diese Fragen sowohl der Eigentümerin, als auch der oberen Denkmalschutzbehörde in schriftlicher Form zustellen.

Eine weitere Anfrage wird an die untere Bodenschutzbehörde der Stadt Halle gehen:

6. Das Gelände des ehemaligen Gaswerkes ist großräumig durch die jahrelange Nutzung mit Schadstoffen belastet und ist auch im "Kataster schädlicher Bodenveränderungen und Altlasten (...) der Stadt Halle" erfasst. Es liegen der unteren Bodenschutzbehörde ein Bericht zur Untersuchung von Altlastenverdachtsflächen des TÜV-Reinland-Ostdeutschland aus dem Jahr 1996, sowie eine Fachtechnische Stellungnahme der Firma Dr. Weßling GmbH vor.
In den 10 durch Rammkernsondierungen gewonnenen Bodenproben wurden u.a. hohe Konzentrationen an PAK, Benzopyren und Schwermetalle nachgewiesen.
Bei einer Nutzungsänderung wird ein Bodenaustausch bis in 0,5m Tiefe empfohlen.
Sind bei der Beräumung auch Bodenbereiche abgetragen worden? In welcher Form sind diese kontaminierten Böden entsorgt worden oder in welcher Form werden sie entsorgt?

Das Gaswerk der Hafenstraße 7 stellt " ... ein seltenes erhaltenes, frühes Zeugnis in der stadttechnischen Gasversorgung in Sachsen-Anhalt, darüber hinaus deutschlandweites seltenes erhaltenes Beispiel der ersten Generation stadttechnischer Verbundsysteme überhaupt" dar (Denkmalausweisung aus dem Jahr 2004).

Bei solchen groben "Versehen" bleibt zu befürchten, das Schritt für Schritt versucht wird den schützenswerten Status des Geländes aufzuweichen, um dieses stadtnahe Gelände für andere Zwecke zu nutzen. Aber der Verlust von schützenswerten Gebäuden ist in Halle nicht neu, sondern gewollt. Und ich wage die Behauptung, das aus diesem Grunde auch die Hasi's weg mussten.

Es ist schon verwunderlich warum man so kurz vor Weihnachten, am letzten möglichen Werktag, ohne Vorankündigung die Räumung des Grundstückes durchgeführt hat. Offensichtlich war dies schon im Vorfeld geplant und man wollte die Räumung/ den Abriss so schnell wie möglich durchführen ohne sich mit Kritik oder gar Protesten auseinander setzen zu müssen.

Den Verantwortlichen sage ich - Ihr seid eine Schande. Und den Kritikern des Hasi´s - jeder sucht für sich Freiräume und Orte wo er sein kann und sich verwirklichen kann. Es muss und soll auch Orte geben für die Menschen deren Interessen und Meinungen wir nicht teilen. Das kann man nicht nur fordern, das muss man selber aktiv leben.

1- https://staedtische-zeitung.de/2018/12/abriss-eines-denkmals-hwg-spricht-von-bedauerlichem-missverstaendnis/

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