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Geistige Stolpersteine

Autor: ElHiggi 14.01.2020

Es gibt immer wieder Themen die mich bewegen oder die mir so sehr auffallen, das ich dazu etwas schreibe. In letzter Zeit ist es vermehrt das Thema Wahrnehmung.

Wie vieles, so ist auch unsere Wahrnehmung relativ, das heißt sie wird bestimmt von unseren eigenen Erfahrungen und Gefühlen und es bedeutet auch, dass sie höchst individuell ist. Unsere Aufmerksamkeit ist nicht gleichmäßig verteilt, sie wird unbewusst durch unser Hirn gelenkt. Schubladen im Kopf haben wir alle - die erleichtern unser tägliches Leben. Richtig/ falsch, wichtig/unwichtig, positiv/ negativ. Nur weil das eine für mich wahr, richtig und wichtig ist, bedeutet es noch lange nicht das es für den anderen auch so sein muss. Keiner von uns hat die Wahrheit gepachtet, keiner von uns ultimativ recht - aber dennoch gehen viele durchs Leben als wäre es so. Wissen wird durch Glauben ersetzt, aber es wird behandelt wie Wissen. Die vielgepriesene Toleranz ist allzu oft nur noch ein bedeutungsloser Begriff auf dem Papier oder dem Bildschirm geworden und dient nur dazu sie für sich selber einzufordern.

Ich fange mal mit einem Punkt an: "Experten".

Viele Menschen halten sich für Experten. Sie haben ein halbwegs brauchbares Wissen zum Thema XY. Das haben sie sich selber angelesen oder angearbeitet, weil sie das Thema interessiert. Das Problem dabei ist, das Wissen tückisch ist. Da stolpert man drüber, wenn man wissenschaftlich arbeitet, ebenso, wenn man versucht sich selber etwas anzueignen wovon man bisher nur eine vage Vorstellung hatte. Beim Recherchieren von wissenschaftlichen Themen kommt man vom 100sten in 1000ste, liest und liest, hat irgendwann ganz viele Details im Hirn - aber es ist schwer und mühsam sich eine breite Übersicht zu verschaffen. Eine die in alle Richtungen geht. Weil die Texte sich oft nur mit einer bestimmten Ausrichtung beschäftigen, mit einem bestimmten Aspekt und wirklich gute Übersichtsartikel nur von jemanden verfasst werden können, der eine lange und breite Erfahrung auf dem Gebiet besitzt. Im handwerklichen Bereich ist das ähnlich.

Gehen wir tief in uns - die meisten von uns sind keine Experten. Aber viele Menschen behandeln ihre Mitmenschen als wären sie welche. Es geht heute nicht mehr darum fundiertes Wissen zu teilen, über Themen zu diskutieren - es geht darum recht zu haben, zu belehren und anderen aufzuzeigen das man besser ist als der andere. Ich sehe und lese das jeden Tag - und das auch bei Menschen die ich persönlich kenne und manche davon auch sehr schätze. Das ist uns oftmals nicht bewusst. Ich denke es hat etwas damit tun, das wir uns abgrenzen wollen und das das Gefühl etwas besser zu wissen oder können als jemand anderes uns ein gutes Gefühl gibt.

Spätestens wenn jemand darauf pocht das er aufgrund seiner Ausbildung "XY" vom Thema ja total viel Ahnung haben muss, fange ich innerlich an zu lachen. Selbst im wissenschaftlichen oder medizinischen Bereich (in dem mich beruflich bewege) gibt es nur wenige Experten. Die Menschen, die wirklich Experten auf Ihrem Gebiet sind, haben eine jahrzehntelange sehr breite Erfahrung auf ihrem Gebiet aufzuweisen und sind zumeist sehr bescheiden, denn gerade ihnen ist klar wie beschränkt unser Wissen ist und wie tückisch es ist, allgemein gültige Aussagen zu formulieren.

Darüber stolpere ich aber nicht nur in klassischen Medien, sondern auch in alternativen und freien Medien. Das betrifft Menschen, die sich nicht für Politik interessieren ebenso wie politikinteressierte in der Friedensbewegung.

Ein weiterer Punkt, der sich aus Punkt 1 ergibt: Arroganz.

Gerade weil wir uns abheben wollen, gerade weil es uns ein gutes Gefühl gibt etwas besser zu können oder weil wir glauben von einem Thema mehr zu wissen, begegnen wir anderen Menschen mit Arroganz.
Merkt ihr denn niemand, dass Begriffe wie "Erwachte", "Aufgewachte", "Schlafschafe" und andere (noch üblere) Begriffe der Ausgrenzung dienen? Dass diese aussagen, das ihr glaubt mehr Ahnung zu haben als all die anderen? Die Ausgrenzung beginnt im Kopf, erst dann folgt die Handlung.

Vielen Themen werden nicht mehr sachlich diskutiert. Zu viele sehen sich als Wissensvermittler, Aufklärer und Freidenker. Sie sind es aber nicht! Das Wissen wird durch Glauben ersetzt und es wird ein persönlicher Glauben verteidigt. Es gibt viele Themen die mit so unglaublich viel Emotionalität verteidigt werden, dass es keine Diskussion mehr ist. Thema: Impfen. Thema: Organspende. Thema: Ernährung. usw.

Sucht euch ein Thema aus, irgendetwas was umstritten ist und viele Emotionen in euch auslöst. Überlegt was eure Meinung dazu ist. Wie sehen eure Wertvorstellungen zu diesem Thema aus? Und nun stellt euch eine Person vor, die eine komplett gegensätzliche Meinung dazu hat. Diese steht gerade vor euch und sagt euch das diese Einstellung dazu für sie falsch ist. Was löst das in euch aus?

Je mehr (für uns negative) Gefühle ein Thema in uns auslöst, desto wichtiger ist es einen Schritt zurück zu gehen und das Ganze genau zu reflektieren. Und mich selber zu fragen ? Warum trifft mich das so? Ist das (wirklich) schlimm, wenn jemand das anders sieht?

Die meisten Eltern lieben ihre Kinder und wollen das Beste für sie. Wenn sie denken, das eine Impfung für ihr Kind das Beste ist, weil sie glauben das es ihnen hilft, ist das in Ordnung. Ich selber kann für mein Kind einen anderen Weg wählen oder auch nicht. Weder ich noch die anderen Eltern lieben ihre Kinder weniger, noch sind sie oder ich die besseren oder schlechteren Eltern. Wenn jemand für sich selber kein Problem darin sieht ein Organspender zu sein ist das doch seine Entscheidung. Oder?! (Wahrscheinlich brodelt es jetzt wieder in dem einen oder anderen und er hat das dringende Bedürfnis mich "aufzuklären" :-) )
Ist es wirklich so schlimm, wenn unsere Mitmenschen bestimmte Zusammenhänge komplett anders bewerten oder eine andere Meinung haben als wir? Natürlich neigen wir dazu, uns zu Menschen hingezogen zu fühlen (ob auf freundschaftlicher oder emotionaler Ebene) mit denen wir uns verbunden fühlen und das sind meistens Menschen, die ähnliche Denkmuster haben, ähnlich reagieren wie wir. Wäre es aber nicht eine Bereicherung, wenn wir uns (zumindest auf intellektueller Ebene) Menschen öffnen würden, die eine andere Meinung haben, die bestimmte Punkte völlig anders bewerten als wir das tun? Wäre es nicht ein wirklich alternativer Weg zu fragen: "Warum siehst du das so?" "Kannst du mir das bitte erklären?". Ich kenne das Leben der anderen nicht, kenne nicht ihre Erfahrungen, ihren Schmerz und ihr Leid (ob bewusst oder unbewusst), ihre Freude und ihre Liebe. Es ist aber für mich arrogant ihnen meine Gedankenstruktur und meine Wertvorstellungen überzustülpen. Und genau das tun viele!

Ich denke, wenn wir uns über diesen Punkt klarwerden, ist das eine Form des inneren Friedens, von dem so viele schreiben/erzählen. Den auch ich nur in Ansätzen verstehe und immer wieder suche. Den zu vielen Menschen auf "Glückkeksweisheiten" und überhebliches "Lehr- und Erziehungsaktionen" reduzieren.

Die Suche nach dem Frieden artet in meiner Wahrnehmung zu oft in einem "Kampf" aus. Einem Kampf im außen. Klar - ich gehe auch für den Frieden auf die Straße, ich unterhalte mich mit vielen Menschen und fahre ein wunderbares Friedensfahrzeug, zeichne Bilder über Themen die mich bewegen. Aber in erster Linie muss ich versuchen den Frieden für mich zu finden und der Weg ist der schwerste von allen. (Wahrscheinlich meiden ihn deshalb so viele (unbewusst)?) Dann habe ich auch die Kraft für andere Menschen. Ansonsten ist es nur eine Flucht. Eine Flucht vor meinen eigenen Gefühlen.

Ich hatte und habe in meinem Leben das Glück Menschen zu treffen die ein unglaubliches Wissen in sich tragen und dabei bescheiden und demütig gegenüber den Menschen geblieben sind, ich habe Menschen getroffen die durch ihre persönliche Hölle gegangen sind und dennoch ihr Herz nicht verloren haben, ich habe Menschen in meinem Umfeld deren Seele eine Freiheit und Offenheit in sich trägt, die mir Angst machen würde, die aber dennoch stark und liebenswert sind.

Dafür bin ich dankbar. Und ich glaube das diese Punkte viel wichtiger sind, als der Punkt ob ich recht habe oder du...

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