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Gedankenvoll in den Mai

Autor: ElHiggi 30.04.2020

Es sind schon bewegte Zeiten gerade. Es erinnert mich an einen Fluch: Mögest Du in bewegten Zeiten leben. Ja, ich glaube das tun wir.

Ich bemerke es daran, dass mein Zuhause - mein Hof, mir vorkommt wie eine friedliche Blase außerhalb der normal gelebten Realität.Um mich herum sehe ich Angst. Angst vor dem Virus. Angst vor Kontakten. Auf der anderen Seite Angst vor dem Verlust unserer Grundrechte. Bei vielen Menschen - Angst vor dem Verlust der Arbeit, dem Abstieg, der beruflichen Existenz. Und alle diese Ängste sind real, sind verständlich. Aber sie lähmen uns und sie machen uns krank. Entweder machen sie unser Herz und unsere Seele schwer, bei anderen wecken Sie den "Kampfmodus" und sorgen dafür dass wir äußere Feinde bekämpfen. Und da ist er wieder - der Kampf.

Ich arbeite im medizinischen Bereich. Wir organisieren uns gut, haben gelernt uns zu strukturieren, um die Arbeit, die jeden Tag vor uns liegt gut zu meistern. Dabei ist es egal, ob man als Arzt, Krankenschwester oder Pfleger oder in einem der zahlreichen anderen Bereiche arbeitet. Wir arbeiten tagsüber, teilweise nachts, oft am Wochenende. In der Theorie gibt es in allen Bereichen Personalschlüssel, die in dieser Theorie recht gut begründbar sind. Und die funktionieren solange bis jemand krank wird. Eine Woche geht noch, nach 2 Wochen nervt es schon, 4 Wochen schaffen wir auch noch. Aber spätestens bei einer chronischen Erkrankung gehen die Probleme los - für diejenigen die arbeiten. Die wissen nämlich genau, dass wenn sie auch noch ausfallen, der Stress für die anderen Kollegen noch mehr wird. Also gehen - wir alle - über unsere natürlichen Grenzen hinaus und arbeiten weiter. So eine Erkältung - eine Lappalie. Magenprobleme - auch nicht so schlimm. Und hier fangen die Probleme an und diese waren und sind bekannt!

Was wird gerade lamentiert und diskutiert welcher Weg der richtige war und ist. Hier offenbart sich die völlige Planlosigkeit der Politik. Während zu Beginn der Infektionen in China (und nein - ich werde den Namen hier nicht erwähnen) alle versucht haben, das Problem herunter zu spielen, weil man wusste das die Labore ausgelastet sind und erst die Strukturen für Tests schaffen müssen, weil man in medizinischen oder pflegerischen Einrichtungen nichts mehr auf Lager hat - weil man ja in einer globalisierten Welt alles von jetzt-auf-gleich per Mausklick bestellen kann, weil man wusste das die wichtigste Ressource - der Mensch nur sehr begrenzt zur Verfügung, hat man spät aber dafür umso härter reagiert.

Und hier zeigt sich für mich das Problem. Und das sind vielleicht nicht diejenigen auf die sich alle anderen stürzen.

1. Unsere Politik ist nicht glaubwürdig. Egal ob der Weg richtig ist oder nicht, der Großteil der Bevölkerung hat den Glauben in eine gerechte Politik verloren, und das nicht erst seit März. Unsere Politiker besetzen Posten von dem sie - vorsichtig ausgedrückt - fachlich nicht geeignet erscheinen. Ihr Benehmen lässt am gesunden Menschenverstand zweifeln oder zumindest sind sie nicht in der Lage sich in die Gefühlswelt einer einfachen Verkäuferin mit Mindestlohn (Beispiele sind beliebig erweiterbar) hineinzuversetzen. Als Vorbild dienen sie schon mal gar nicht.
Als Vergleich: mein Chef ist eine durchaus autoritäre Person. Aber auf der fachlichen Ebene weiß er genau was tut, er steht vorbehaltlos zu seinen Entscheidungen und verlangt nichts was er nicht auch bereit wäre zu geben. Damit kann ich ihn als meinen Vorgesetzen respektieren.
Mit diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Entscheidungen der Politik (ob richtig oder nicht) von der Bevölkerung nicht angenommen werden.

2. Mir fällt schon lange, und auch nicht nur bei dem Thema, die unzureichende Fachkompetenz der Presse auf. In bestimmten Bereichen (z.B. Erschaffen von Feindbildern) ist das vielen Menschen klar. Aber auf einmal denken alle: "Oh, mein Gott, das muss stimmen!". Sorry Leute, das sind dieselben unterbezahlten, fachlich mäßig kompetenten Pappnasen die uns seit Jahren erklären das Russland unser Feind ist. Selbst wenn es auch einer Fachredaktion kommt, wenn du in deinem Fachgebiet was kannst und das Wissen auch liebst, schreibst du nicht für eine Zeitung. Bist du studierter Journalist, fehlt dir schlicht das Fachwissen z.B. auf dem Gebiet der Naturwissenschaften. Klingt das arrogant? Darf es und soll es auch. Es gibt unzählige Fachliteratur, die schon im Januar von den Chinesen veröffentlicht wurde. Nur wenig von den Punkten die danach veröffentlich wurden, waren wirklich neu. Nur ist das anstrengend und dauert einfach Zeit. Also ist es einfacher die vorgekauten Wissensbröckchen und Standpunkte abzuschreiben. Denn auch welche Punkte man betrachtet ist höchst individuell.

Auch diejenigen Menschen die sich als aufgeklärte Menschen bezeichnen fallen oft darauf hinein. Das Thema ist völlig variabel. Es wird nämlich genau so selektiert dass das eigene Weltbild bestätigt wird. Und dann werden auf einmal Quellen akzeptiert, die man vor 1 Woche noch als unhaltbar angesehen hat.

3. Es gibt die Informationen das Krankenhäuser ihr Personal auf Kurzarbeit setzen. Ja, das mag stimmen. Aber ein Punkt wird dabei oft vergessen: viele Krankenhäuser gehören Konzernen. Die wollen eine bestimmte Rendite, so dass in den Krankenhäusern nur noch die Abteilungen sind, die viel Geld bringen und insbesondere am Personal wird noch mehr gespart als bei öffentlichen Trägern. Meine Einschätzung (aus einem nicht-privaten Krankenhaus) ist die: die Stationen und Kliniken sind nicht leer. Die Notfälle aller Art gibt es weiter, es wird auch operiert. Aber auch wenn die Hygienemaßnahmen sehr viel mehr Aufwand erfordern, habe ich das Gefühl das das Personal entspannter ist. Durch die Verringerung der Patientenzahlen ist auf einmal wieder etwas mehr Zeit. Das ist aber nur meine individuelle Einschätzung. Im Endeffekt darf man das leidige Thema Geld, hier nicht aus dem Auge verlieren.

Und jetzt kommen wir noch mal zur Angst. Ja, die Angst ist verständlich. Aber wie Erstarrung nichts bringt, ist der aggressive Kampf ebenso kontraproduktiv. Habe ich eine Lösung - nein, natürlich nicht. Ich kann und werde nur für mich selber entscheiden. Ich weiß nicht welcher Weg für euch der richtige ist. Ich für mich selber brauche niemanden der mich führt. Ich denke, dass das politische System in der Form nicht reformierbar ist. Aber ich weiß was über die Jahrtausende immer funktioniert hat - persönliche Netzwerke.

Nennt es wie ihr wollt. Aber der Mensch ist ein soziales Tier und als solches lebt er mit anderen Menschen zusammen. Und nun geht es los: ja wir werden wirtschaftliche schlechten Zeiten entgegen sehen. Das ist für mich so sicher wie das Amen in der Kirche. Es brauchte einfach nur einen Auslöser, um ein Wirtschaftssystem, das auf Wachstum beruht zum Kippen zu bringen. Was hilft uns da heraus?
Besinnt euch was wirklich wichtig ist. Versucht euren Konsum einzuschränken oder euch zumindest nicht zu sehr von Krediten abhängig zu machen. Helft einander. Also alles Punkte, die ich als Kind noch kennengerlernt habe und in meinem Leben auch so handhabe.

Seid lieb zueinander - auch wenn ihr gerade die Wände hoch geht. Es sind eure Gefühle, da kann euer Gegenüber nichts dafür, auch wenn es euch (wie mir) manchmal so erscheint. Besinnt euch der inneren Werte (ich weiß das klingt kitschig). Wenn man die Gewissheit hat, dass es Personen gibt, die einen vorbehaltslos unterstützen, gibt das Kraft und nimmt die Angst vor der Zukunft - egal wie sie in euren Gedanken aussehen mag.

In dem Sinne - geht mit Liebe im Herzen für euch und eure Mitmenschen in den Mai!

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