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Das Land in der Angst

Autor: ElHiggi 11.01.2021

Wenn jemand mir noch vor einem Jahr erzählt hätte, wie unser Alltag aussehen wird, ich hätte es nicht geglaubt. Über die Hintergründe ist viel geschrieben worden, fachlich gute Artikel und reißerische, inhaltlich falsche Abhandlungen. Von allen ist etwas dabei. Die lautesten Stimmen, die oftmals eher eine Meinung präsentieren, als eine sachliche ausgewogene Darstellung, haben viel Zuspruch bekommen. Dabei ist es egal in welche Richtung man schaut. Ob Systemmedien, die die staatskonformen Meldungen wiederkäuen oder alternative Medien, die sich selber als Revoluzzer sehen und selber nicht merken, dass der Begriff "Schlafschafe" einfach nur die pure Überheblichkeit und Arroganz ausdrückt. Der Grund warum das alles so gut funktioniert, ist die Angst. Und die beherrscht uns gerade.

Wenn wir sie verspüren, auch wenn uns dessen vielleicht in diesem Moment nicht bewusst ist, laufen alte Mechanismen in uns ab. Wenn wir einer existentiellen Bedrohung begegnen, hat unser Gehirn erst einmal 2 Optionen - den Kampf oder die Flucht. Wenn wir beides nicht können, dann erstarren wir (innerlich).

Wir können gerade an uns selber und an den meisten unserer Mitmenschen beobachten, wie Angst funktioniert. Alle haben sie, wir können uns nur aussuchen wie sie aussehen soll. Sie wird geschürt! Und unsere Zivilisationsdecke wird immer dünner. Das ist seit Monaten bemerkbar durch zunehmende Aggression. Maskenbefürworter gehen gegen Menschen ohne Masken vor, ohne zu wissen ob und welchen Grund es dafür gibt. Denn der ist schon lange egal, es geht nur noch um das ausagieren. Maskengegner sehen Menschen die Maske tragen als Feiglinge und systemtreue Blindgänger an, ohne zu wissen ob sie berechtigte Gründe haben eine Maske zu tragen, weil sie aufgrund von Vorerkrankungen z.B. zur Risikogruppe gehören. Andere igeln sich ein und sehen zwischenmenschliche Kontakte zunehmend als ein Problem. Zugegeben, nicht alle Ausprägungen sind gleichermaßen stark, aber Angst prägt uns alle. Und die ist menschlich.

Die Angst vor dem Tod, ist eine Urangst. Die Angst vor dem Verlust der Autonomie und unserer freien Entscheidung (oder was wir selber dafür halten), die Angst vor dem Verlust unserer wirtschaftlichen Existenz - dies alles sind große Ängste, die uns sehr stark beeinflussen. Und aus diesem Grund bekämpfen wir so stark was sie in uns (und das ist wieder individuell) triggert. Die Menschen mit der Angst vor dem Verlust der Autonomie versuchen alles zu bekämpfen was mit dieser Einschränkung zu tun hat. Die Menschen deren Angst vor dem Tod sehr stark ist, reagieren aggressiv gegenüber allen Menschen die mit ihren Verhalten diese schüren. In ihnen ist kein Platz mehr für die Ängste der anderen. Das Verständnis wird reduziert auf ein "ja, aber". Sie wird greifbar, weil sie alle haben. Nur hat jeder Mensch von jeder Angst einen anderen Anteil. Damit wird es immer schwerer Verständnis für die anderen aufzubringen - wenn sie doch nur verstehen würden wie es "wirklich" ist!

Nur haben die Menschen wirklich Angst vor dem Virus. Sie haben Angst, das sie zu den 5% gehören könnten die schwere Komplikationen haben. Weißt Du zu welcher Gruppe du gehörst? So wie andere wirklich Angst haben, ihre Grundrechte nie wieder zu bekommen. Vertraust du den politischen Entscheidern genug, um dir sicher zu sein, das sie bereit sind dir deine Rechte wieder zu geben?

Und das ist ein perfider Teufelskreis. Perfekt in seiner Fiesheit und Allumfassendheit! Eine perfekte Spaltung der Gesellschaft, da grundlegende Ängste bedient werden. Wir haben sie alle und es ist völlig egal wie viele Menschen auf welcher Seite stehen. Feindbilder dienen als Ventil, das war schon immer so. Es dient dem eigenen Wohlgefühl, das andere für etwas verantwortlich sind, was man nicht möchte, um sich damit aus der eigenen Verantwortung heraus zu nehmen. Sie sind ein Ventil um die eigene Angst und das negative Gefühl auf eine Person projizieren zu können.

Krisen zeigen immer deutlich die Schwächen eines Systems. Diese Krise zeigt die Unfähigkeit der Politik. Sie zeigt die Negativauslese des Parteiensystems, welches darauf beruht, das gute Parteisoldaten in Führungspositionen kommen. Fachliche oder persönliche Eignung spielt nur eine untergeordnete Rolle. Viele Entscheidungen sind nur blinder Aktionismus. Stärke zeigen und nur keine Kritik zulassen.

Wir suchen in unseren Begründungen nach einem höheren Plan - warum? Wir brauchen nicht nach höheren Gründen zu suchen, wo Dummheit als Begründung ausreicht. Es hätte viele sinnvolle Wege gegeben. Z.B. einen beratenden Expertenrat bestehend aus mehreren Virologen, Intensivmedizinern (die haben ja mit den Patienten letztendlich zu tun), Lungenfachärzten, Soziologen, Epidemiologen, Psychologen und vielleicht noch Wirtschaftswissenschaftlern. Im Land der Dichter und Denker sollte doch so etwas möglich sein. Es müsste dort eine fachliche Auswertung der aktuellen wissenschaftlichen Publikationen geben. Der Expertenrat berät und versucht die Auswirkungen möglicher Maßnahmen einzuschätzen. Damit hätte man auch die Unterstützung eines großen Anteils der Bevölkerung. Das hätte schon zu Beginn der ersten "Welle" geschehen müssen. Der Lockdown ist nur ein Instrument der Hilflosigkeit. Wissenschaftler dürfen nicht dafür benutzt werden, politischen Maßnahmen im Nachgang eine "wissenschaftliche Legitimation" zu geben.

Eine Poblematik ist, das viele Menschen überwiegend in eigenen Kreisen agieren. Das geht uns allen so. Wie beeinflusst es unsere Gedanken wenn wir überwiegend mit Menschen zu tun haben, die ähnlich denken und leben wie wir? Und wie beeinflusst es einen Menschen, wenn man eine Form von Macht über Andere hat und überwiegend sich unter Menschen bewegt, die diese auch haben? Wenn man Entscheidungen trifft die so viele Menschen beeinflussen - wie geht man mit Zweifeln um? Wenn alle im eigenen Dunstkreis sagen, dass dieser Weg alternativlos ist, wie beeinflusst das die eigenen Entscheidungen? Und dann sind wir wieder bei der Negativauslese des Parteiensystems und den Parteisoldaten.

Und DAS alles haben unsere Entscheider ganz prima hinbekommen - sie regieren mit Angst. Wenn man nicht fachlich argumentieren kann, wenn man nicht gewillt ist Kompetenzen zu bündeln, weil man fürchten muss das die eigene Unzulänglichkeit zu Tage tritt und wenn das Vertrauen eines großen Teils Bevölkerung in die Politik schon lange verloren ist, dann funktioniert nur noch die Angst. Das das erleben wir gerade.

Ich habe auch Angst. Ich fürchte mich vor der Dummheit derer die uns führen. Ich habe Sorgen um die Zukunft meines Kindes. Ich sehe mit Sorge, das wir alle in eine Zeit hineinwachsen müssen, die von Angst geprägt ist. Ich sehe mit Besorgnis, was sie aus uns machen könnte in einer Gesellschaft in der der Individualismus mehr zählt als der Gemeinschaftssinn und in der Geld mehr Macht hat als alles andere.

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