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#Hambibleibt - #Hasiauch?

Hambi ist überall - er hat nur andere Namen.

Der Protest um den Hambacher Forst ist vielen ein Begriff. Es geht dort um den Erhalt eines alten Waldes entgegen den finanziellen Interessen eines internationalen Großkonzerns. Und es geht um die Demonstration, dass eine Handvoll Menschen die Macht haben gegen eine Politik, die schon lange von Lobbyisten gekauft wurde.

Aber um den Hambacher Forst geht es hier nicht, er steht hier nur als Beispiel für zahlreiche andere Projekte, die gegen finanzielle Interessen kämpfen. Denn gehen wir tief in uns - meistens geht es genau darum. Ums Geld.

Es geht auch hier um Erhalt eines, in meinen Augen, erhaltenswerten Grundstückes. Es geht um die Hafenstraße 7, hier in Halle bekannt als Hasi. Und es geht um Feindbilder und (wie so oft) um finanzielle Interessen.

Es geht um ein Zeugnis der Industriegeschichte. Um ein Gaswerk aus der Zeit des Beginns der Gasherstellung. Es wurde 1856 erbaut. Der zum Großteil (auch mit den Gasometertassen) erhaltene Komplex ist so in der Form im Mitteldeutschen Raum einmalig, weil viele Gaswerke aus dieser Zeit nicht mehr erhalten sind. Erst später angelegte, größere Gasometer sind in einigen Städten erhalten geblieben. (Die ausführliche Geschichte ist durch den Capuze e.V. publiziert worden und kann über den Verein kostenlos bezogen werden). Was viele nicht wissen und hier kurz erwähnt werden sollte - das ganze Grundstück würde es heute nicht mehr geben, wenn es nicht 2004 unter Denkmalschutz gestellt worden wäre. Sozusagen in letzter Minute, der Abriss-Antrag lag bereits vor, und es gab Pläne für eine nachfolgende Nutzung des, idyllisch an der Saale gelegenen, Grundstückes.

Eigentümer ist die HWG, ein kommunaler Wohnungsvermieter, es ist quasi in städtischer Hand. Und nachdem das Grundstück über Jahre hinweg, aufgrund von Bodenkontamination und diverser anderer Gründe, nicht genutzt wurde, fand sich 2016 ein Projekt für die Nutzung.

Und jetzt geht er los - der Teil der Geschichte, der stellvertretend für zahlreiche andere Projekte aufgeführt werden kann.

Wie in vielen Städten, so gab es auch in Halle vor einigen Jahren viel Leerstand auf der einen Seite und viele junge Leute mit Ideen und Energie, aber mit wenig Geld auf der anderen. Ich kann mich daran noch erinnern - 2016 wurde das Beamtenhaus besetzt und der Eigentümerin ein Nutzungskonzept unterbreitet. Ich habe mich gefreut, weil es bedeutet das es bei einer Nutzung auch um den Erhalt der Gebäude geht und nicht wie so oft, dass die Gebäude so lange stehen bis sie abgerissen werden können.

Der Verein nutzt das Grundstück nun seit über 2 Jahren und ebenso wie viele andere Hallenser, hatte ich lange Zeit weder eine Ahnung wer diejenigen sind die den Verein vertreten, noch was sie dort tun. Aber gehört habe ich natürlich viel, wie so oft. Man habe ein Haus geschenkt bekommen, hieß es. Linke Zecken seien dort, Antifanten, alle gewaltbereit. Es gäbe Beschwerden von Seiten der Nachbarn (man stelle sich DAS mal vor!). Wenn man den Berichten der Lokalmedien glauben durfte, war und ist das Hasi eine Brutstätte des linken Radikalismus.

Mein Bekanntenkreis reicht von streng-konservativ bis offen-für-alles-und-leicht-schräg. Ebenso breit gefächert waren die Ansichten. Aber ich kann sagen, die meisten wichen sehr stark von der Realität ab. Warum? Weil wir lesen, vielleicht auch schauen, aber zu wenig fragen und noch weniger zuhören.
Meine, ganz persönliche, Erfahrung ist eine andere - ich bin von allen Menschen dort lieb und offen empfangen wurden, obwohl sie mich nicht kannten und mir in der aktuellen Situation (Stichwort Räumungsklage) nicht hätten trauen müssen.

Ich kenne das Grundstück noch aus dem Jahr 2004 - es ist dort unglaublich viel passiert. Die Gasometertasse 1 ist beräumt und kann zum Beispiel für Lesungen und künstlerische Aufführungen genutzt werden. Die Anlage der Terrassen auf dem Grundstück ist erhalten geblieben und sehr schön in Sitzgelegenheiten u.ä. eingebunden. Es gibt einen kleinen Garten, in dem in Hochbeeten Gemüse angebaut wird. Es sind dort regelmäßige Projekte etabliert, die alle ehrenamtlich laufen und an einem anderen Ort es sicher schwer hätten, sich etablieren zu können. Es ist ein friedliches und liebes Kommen und Gehen auf dem Gelände. Das Bild was ich davon gewonnen habe, ist ein völlig anderes, als das was allzu oft verbreitet wird.

Heute, am 19.10.2018, fiel die Entscheidung des Landgerichtes Halle zugunsten der HWG und das Grundstück soll geräumt werden.

Und hier komme ich zu einem wichtigen Punkt und auch den Parallelen zum Hambi:

Natürlich war die Beräumung des Hambi durch RWE rein rechtlich gesehen nicht anfechtbar. Obwohl der Kampf für den Hambacher Forst schon viele Jahre lief und in dem alten Wald viele bedrohte Tierarten heimisch sind. Moralisch richtig, war die Entscheidung dadurch für viele Menschen noch lange nicht. Nur durch die mediale Aufmerksamkeit wurden die Menschenmassen in den Wald bewegt und die Abholzung zunächst verhindert.

Natürlich ist die Räumung des Hasi rein rechtlich nicht anfechtbar. Die HWG möchte das Grundstück verkaufen, in Anbetracht der aktuellen Verkaufspreise für Immobilien aus finanzieller Sicht durchaus nachvollziehbar. Das macht es aber noch lange nicht zu einer moralisch richtigen Entscheidung.

Wenn ich die lokalen Medien zu diesem Thema befrage, sind die Meinungen größtenteils negativ. Verrückte Kids, Hausbesetzer, gewaltbereit. Ich stelle an diesem Punkt eine ganz verwegene Behauptung auf: Niemand von Ihnen war dort und hat mit den Besuchern des Hasi oder den Vertretern des Vereins gesprochen. Und ich meine ein offener neutraler Besuch: "Hallo, was macht ihr hier eigentlich?"  Vielleicht noch mit einem Lächeln. Ein beginnendes Projekt am Hufeisensee wird schon vor Beginn mit der Aussage torpediert: "Wir wollen kein Hasi II."

Hier werden Feindbilder produziert. Aber die kennen wir ja schon. Die gibt es in alle Richtungen. Und wir beschweren uns, wenn wir vermeintlich selber mit einem Feindbild dekoriert werden. Nur fallen wir zu oft darauf hinein, weil wir unkontrolliert fremde Meinungen übernehmen und sie für die Wahrheit halten.

Feindbilder haben wir alle in unseren Köpfen. Und Schubladen. Sie haben natürlich Ihren Sinn darin eine Situation schnell einschätzen zu können. Aber sie können uns auch täuschen. Und es ist schlicht falsch aufgrund einiger Personen, deren Einstellung oder Lebensweise wir nicht teilen, auf eine größere Gruppe zu schließen. Wissen tun wir das alle - nur halten wir uns nicht dran. Habt den Mut zu fragen und respektvoll auf die Menschen zu zugehen, die ihr nicht kennt und noch weniger versteht. Wenn sich dann herausstellt, dass ihr sie nicht mögt, dann wisst ihr wenigstens warum. (DAS geht im übrigen in ALLE Richtungen!)

Und noch etwas zur Hafenstraße - dem "geschenkten" Haus. Der Erhalt eines alten Hauses, da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen, geht nur mit viel Arbeit und Mühe. Oder mit viel Geld. Letzteres habe ich nicht, ebenso wenig wie diejenigen die sich um das Hasi bemühen. Aber sie opfern Ihre Zeit und ihre Kraft.

Wenn es das Hasi nicht mehr gibt, dann wird das Gelände verkauft wie von der HWG geplant. Ein Teil der Gasometertassen wird sicher abgerissen (siehe Holzplatz) und damit es dem Denkmalschutz "zu verkaufen" ist, wird vielleicht eine Tasse erhalten und auf dem Rest des Grundstückes werden "Luxus-Wohn-Klos" erbaut oder andere "Rendite-Projekte". In einer Stadt wie Halle, in der ca. 1/3 der Kinder (ganz offiziell) in Armut leben, ist das wohl das Letzte was wir hier brauchen.

Irgendjemand verdient daran, wenn das Hasi gehen muss - Ihr werdet es sicher nicht sein. Euch wird es dadurch auch nicht besser gehen. Halle wird nur um ein (vielfältiges) Projekt ärmer. Ob dieses Projekt Euch gefällt oder nicht, eine Stadt braucht Vielfalt um den verschiedenen Menschen mit ihren Ansichten und Interessen einen Raum zu geben.

Daher bitte ich Euch: Lasst Euch nicht Feindbilder vor die Nase halten um die Interessen anderer zu bedienen.

Infos zum Verein: www.hafenstrasse7.noblogs.org

 

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